Wie eine «Schule für Alle» gelingt

Reportage

Schulische Inklusion birgt viele Herausforderungen. Der Bildungsexperte und emeritierte Professor Peter Lienhard hat erfolgreiche Praxisbeispiele mit Videos porträtiert. Am HfH-Round-Table vom 25. Mai 2024 diskutieren Fachleute anhand dieser Videos, was es für eine «Schule für Alle» braucht.

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Steff Aellig Titel Dr. phil.

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Senior Consultant

Dominik Gyseler Titel Dr. phil.

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Senior Lecturer

Fünf Gelingensbedingungen. Wie gelingt eine Schule für Alle? Wirklich alle? Das ist im Moment wohl die Eine-Million-Franken-Frage im Schweizer Bildungssystem. Eine Antwort lautet: Indem man Beispiele analysiert, die zeigen, wie es gelingt. Der Bildungsexperte und emeritierte HfH-Professor Peter Lienhard hat genau das gemacht. Er hat erfolgreiche Projekte aus zehn Trägern der HfH in Form von Videos porträtiert. «Natürlich ist das kein Abbild der aktuellen Situation, sondern das sind herausragende Beispiele aus der Praxis», sagt Peter Lienhard. «Es zeigt aber, wie eine Schule für Alle gelingen kann.» Er hat fünf Gelingensbedingungen ausgemacht, die am diesjährigen HfH-Round-Table mit Verantwortlichen aus vier ausgewählten Projekten diskutiert wurden. 

Erstens: Klare pädagogische Ausrichtung und unterstützende Leitung. «Die pädagogische Ausrichtung und die unterstützende Leitung sind entscheidend. Wenn diese Aspekte nicht gelingen, dann bricht Entscheidendes weg», sagt Peter Lienhard. Ein positives Beispiel dafür ist die Schule Heiden im Kanton Appenzell-Ausserrhoden. «Strukturen allein machen noch keine gute Schule aus», antwortet Hans-Peter Hotz auf die Frage, wie man sich eine solche klare Ausrichtung vorstellen kann. Dabei ist der Austausch zentral: «Top-down funktioniert nicht. Wir haben versucht, alle Lehrpersonen und Eltern mit ins Boot zu holen», so der Schulleiter aus Heiden. Dies kann Thomas Ruppaner bestätigen. Der Leiter Bildung der Schule Wetzikon ist dabei, «einen Tanker» von zehn Schulen und 500 Lehrpersonen zu einer «Schule für Alle» auszurichten. «Zu Beginn wollten wir ein Problem der Lehrpersonen lösen: Ihre Belastung im Umgang mit Heterogenität. Wir haben dann Schulen besucht, die dieses Problem bereits bewältigen und Lösungen umsetzen.» Daraus entstanden sogenannte Impulskarten als Wegbereiter für die Schulentwicklung. «Unsere Lehrpersonen sind motivert, diese Impulse umzusetzen», sagt Thomas Ruppaner.

Peter Lienhard im Gespräch mit Steff Aellig: Fünf Gelingensbedingungen für eine «Schule für Alle»

Zweitens: Flexible und durchlässige Angebote. Eines der Videoprojekte zeigt Aline. Das elfjährige Mädchen hat eine kognitive Beeinträchtigung und besucht grundsätzlich eine Mittelstufenklasse in der Schule Heiden. Mehrmals in der Woche macht sie jedoch in der Basisstufe mit – und ist dort mit deutlich jüngeren Kindern zusammen. Ein Paradebeispiel für eine flexible, klassenübergreifende Förderung von Kindern mit verstärkten Massnahmen. Doch das Beispiel zeigt auch mögliche Grenzen der Inklusion auf. Mit dem bevorstehenden Übertritt von Aline auf die Sekundarstufe entschieden sich die Eltern für den Wechsel in eine separative Sonderschulung. Ihr Argument: Bessere Begleitung für die künftige berufliche Integration. Ein Misserfolg aus Sicht der Integration? «Gar nicht», sagt Peter Lienhard, «Flexibilität heisst auch Grenzen anzuerkennen: Wenn die Eltern andere Prioritäten setzen, sollten wir uns danach richten», so Lienhard.

Drittens: Fachspezifisches Know-how in Unterricht und Förderung. Wie wichtig dabei das Know-how ist, zeigt die Timeout Schule im Fürstentum Liechtenstein. Dort werden Jugendliche mit schweren schulischen oder familiären Belastungen für bis zu sechs Monaten begleitet und gefördert. Erstes Ziel ist der Aufbau einer tragfähigen Beziehung: «In den Gesprächen mit den Jugendlichen legen wir Wert auf Klarheit und Transparenz», sagt die Sozialpädagogin Corina Beck, die das Angebot leitet. «Unser wichtigstes Arbeitsinstrument ist die Reflexion. Wir wollen verstehen, was hinter einem Verhalten steht», so Beck. Dazu stehen die Fachleute auch in engem Kontakt zu den Familien.

Viertens: Multiprofessionelle Zusammenarbeit mit geregelter Zuständigkeit. Das Beispiel der Timeout Schule in Gamprin (FL) zeigt auch: Eine «Schule für Alle» gelingt nur, wenn wirklich alle mitmachen. Ganz wichtig: Der Draht zur Regelschule darf nie abreissen. Das Bindeglied für Know-how und Kommunikation ist die Schulsoziarbeit der Herkunftsschule. Das ist vor allem bei der Re-Integration wichtig, die von Anfang an im Vordergrund steht: «Der Übergang dauert fünf Wochen, da bieten wir eine intensive Begleitung an. Nur wenn die Schule und alle Beteiligten zusammenarbeiten, ist der Übergang erfolgreich», ist Corina Beck überzeugt. Die Erfolgsquote schätzt sie auf beeindruckende 75 bis 80 Prozent. Das bedeutet aber auch: Immer gelingt die Re-Integration nicht: «In manchen Fällen muss auch ein Wechsel in eine andere Umgebung geprüft werden», so Beck.

Fünftens: Verbindlicher Einbezug von Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien. «Sonderpädagogische Massnahmen sind dann erfolgreich, wenn wir alle ins Boot holen und gemeinsam nach Lösungen suchen», bestätigt Martin Ettlin, Prorektor der Schule Sarnen. Er legt den Fokus dabei vor allem auf die Eltern. So besuchen in der Schule Sarnen im Kanton Obwalden Fachpersonen aus der Sozialpädagogik wöchentlich Kinder und Jugendliche mit integrierter Sonderschulung bei ihnen zuhause. «Es geht darum, die drei Säulen Kind, Schule und Familie zu stärken», erklärt Martin Ettlin. Dafür nimmt er es auch in Kauf, dass mit Besuch in der Familie eine hohe Schwelle überschritten wird: «Sozialpädagogen müssen das System kennen, um Vertrauen aufzubauen. Sie greifen nicht ein, sondern suchen gemeinsam nach Lösungen und Möglichkeiten.»

Voneinander wissen, voneinander lernen. Haben wir die Antwort auf die Eine-Million-Franken-Frage nun gefunden? Peter Lienhard relativiert: «Diese Gelingensbedingungen sehen auf dem Papier vielleicht einfach aus», so der Bildungsexperte. «Wenn man aber in die Schulen reinschaut, ist das überhaupt nicht so. Es kommt darauf an, wie man es vorlebt. Das ist der entscheidende Punkt.» Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik kann einen wichtigen Teil zu einer erfolgreichen Umsetzung beitragen: «Wir müssen die Fragen aus den Kantonen mit ihren Rahmenbedingungen und Spezifitäten systematisch aufnehmen», sagt die Rektorin Barbara Fäh. «Dazu haben wir einen Hochschulrat, in dem alle Interessen der Kantone vertreten sind.» Sie ist optimistisch und will diesen Austausch weiter vorantreiben: «Es gibt viele gute Beispiele dafür, wie wir mit den Anforderungen der Inklusion umgehen können», so Barbara Fäh.

Prof. Dr. Barbara Fäh, Rektorin der HfH, hiess die Gäste vor Ort und vor den Bildschirmen herzlich willkommen.

Auf dem Podium diskutierten Gäste aus Trägerkantonen der HfH mit Peter Lienhard. Der Anlass wurde moderiert von der Wissenschaftskommunikation.

Steff Aellig fragte kritisch nach: Wie gelingt eine «Schule für Alle»?

Anhand von Filmsequenzen aus der Videoreihe «Voneinander wissen, voneinander lernen» wurde beispielhaft aufgezeigt, wie die Inklusion gelingen kann.

Peter Lienhard hat Projekte aus den Trägerkantonen der HfH porträtiert.

Thomas Ruppanner ist Leiter Bildung der Schule Wetzikon. Er äusserte sich zu Impulskarten, die im Rahmen eines Projekts entstanden.

Anschliessend waren die anwesenden Personen zu einem leckeren Brunch geladen –

– die perfekte Gelegenheit für einen persönlichen Austausch.

Das Factsheet vermittelte die wichtigsten Gelingensbedingungen und diente im Anschluss als Grundlage für Gespräche.

Der HfH-Round-Table fand vor Ort statt und wurde online übertragen.

Auf dem Podium diskutierten:

Der HfH-Round-Table wurde am 25. Mai 2024 an der HfH Zürich durchgeführt und online übertragen.

Moderation der Veranstaltung und Autoren: Dr. Dominik Gyseler und Dr. Steff Aellig, HfH-Wissenschaftskommunikation (Mai 2024)