Ausgangslage
Die kleinste bedeutungstragende Einheit der Morphologie ist das Morphem (Carlisle, 2003). Mit dem Konzept der morphologischen (auch morphematischen) Bewusstheit (MB) wird die Fähigkeit, Morpheme wahrzunehmen und sie zu manipulieren, beschrieben (Casalis et al., 2004). Das Konstrukt der MB wird zunehmend als wichtige Grundlage für den Schriftspracherwerb betrachtet. Im englischsprachigen Raum wird der Zusammenhang ungefähr seit der Jahrtausendwende erforscht (Carlisle, 2003; Casalis et al., 2004; Elbro et al., 1998). Im deutschsprachigen Raum finden sich weniger Forschungsarbeiten dazu (z.B. Ewald & Steinbrink, 2023; Kargl et al., 2018). Jedoch steigt die Forschungstätigkeit in den letzten Jahren vermehrt, da die Evidenzen aus dem anglo-amerikanischen Raum nur bedingt auf den deutschsprachigen Raum übertragbar sind (Volkmer et al., 2019). Morphologische Fähigkeiten wie der Plural- oder Genuserwerb können im Vorschulalter zwar standardmässig erhoben werden. Jedoch wurde das Konstrukt der MB bisher nicht zufriedenstellend beschrieben. So wurden nur wenige implizite Testaufgaben (Kargl et al., 2018) oder Aufgaben zur Rezeption der MB entwickelt (vgl. Heidelberger Auditives Screening in der Einschulungsuntersuchung, HASE, Schöler & Brunner, 2008; Heidelberger Vorschulscreening, HVS, Brunner, Troost, Pfeiffer, Heinrich & Pröschel, 2001) und untersucht. Um die MB zu verstehen und mögliche Entwicklungsstufen abbilden zu können, benötigt es zunächst eine aussagekräftige Aufgabensammlung. Diese sollte, ähnlich wie im zweidimensionalen Konstrukt der phonologischen Bewusstheit (Schnitzler, 2008), sowohl den Explizitheitsgrad der Aufgaben, von implizit zu explizit, systematisch prüfen als auch die verschiedenen Operationen der MB. Diese sind die Flexion, Derivation und Komposition.
Das vorliegende Projekt nimmt diese Thematik auf und lässt eigens erstellte Testaufgaben durch eine Expertinnengruppe hinsichtlich der Passung zum Konstrukt MB und zur Kompetenz zu testenden Proband:innen prüfen. Im Anschluss werden die Aufgaben mit Kindergartenkindern in der Deutschschweiz durchgeführt. Es ergeben sich hierbei zwei zentrale Fragestellung. Die erste betrifft das Konstrukt der MB und die Passung der Testaufgaben dazu. Die Forschungsfragen lauten:
- Korrelieren die Leistungen mit der Einschätzung der sechs Expertinnen?
- Stimmen die Ergebnisse mit dem Expertinnen-Rating hinsichtlich Passung und Schwierigkeitsgrad überein?
Die zweite Fragestellung betrifft die Ermittlung von Entwicklungsschritten des Konstrukts MB sowie von Kompetenzniveaus. Die Forschungsfragen dazu lauten:
- Lassen sich Unterschiede zwischen zwei Alterskohorten feststellen?
- Lassen sich Unterschiede zwischen den Messzeitpunkten feststellen?
- Welche Entwicklungsstufen (z.B. unterschiedliche Entwicklung einzelner Untertests) können aus den Ergebnissen der verschiedenen Alterskohorten beschrieben werden?