«Wir wollen nicht abgehängt werden»
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Digitale Medienkompetenzen spielen eine immer grössere Rolle in der Gesellschaft. Karin Zingg hat eine kognitive Beeinträchtigung und setzt sich als Expertin in eigener Sache im Angebot «Medienbus» für mehr digitale Inklusion ein.
Karin Zingg (auf dem Bild rechts) lebt mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Als Selbstbetroffene setzt sie sich in mehreren partizipativen Projekten für mehr Gleichberechtigung und Teilhabe von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ein. Gemeinsam mit Andrea Sterchi leitet Karin Zingg Workshops im Rahmen des neu konzipierten Angebots «Medienbus», welches die digitale Inklusion voranbringen will. An der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) besucht Karin Zingg zudem die Weiterbildung «Inklusions-Botschafter:in Plus» – mit dem Ziel, sich Wissen zur Inklusion anzueignen und eigene Erfahrungen einbringen zu können.
Im Interview mit Kristina Vilenica aus der Hochschulkommunikation gewährt Karin Zingg einen persönlichen Einblick in Barrieren, welche ihr im digitalen Alltag begegnen und was sie sich für die digitale Zukunft wünscht.
Karin Zingg, welche Barrieren erleben Sie persönlich im Umgang mit digitalen Medien?
Da gibt es einige. Die WLAN-Einstellungen kann ich zum Beispiel nicht selbst vornehmen und brauche Unterstützung. Auch bei der Suche nach Informationen im Internet bin ich eingeschränkt. Ich kann nicht gut einschätzen, ob die Informationen wahr sind oder nicht. Und es gibt E-Mails, die mir komisch erscheinen oder ein Ausrufezeichen haben. Hier weiss ich noch zu wenig, was ich tun kann. Zum Glück kann ich bei Fragen immer auf meinen Bruder zugehen – er ist IT-Spezialist – oder zum Natel-Spezialisten. Zudem will ich die Künstliche Intelligenz (KI) wie ein Lexikon nutzen können und muss lernen, wie das geht, damit ich an die Informationen komme und diese verstehen kann. Genau dafür braucht es Angebote wie den «Medienbus».
Was meinen Sie mit «Lexikon»?
Ich würde die KI alles Mögliche fragen. Wenn ich zum Beispiel einen Artikel verfassen soll, dann würde ich mir die wichtigsten Informationen zusammenstellen lassen. Letztens habe ich eine Bewerbung mit Hilfe der KI erstellt. Jedoch musste ich die Vorschläge dann gemeinsam mit einer Assistenz umschreiben, damit ich meinen persönlichen Ton einbringen kann.
Welche digitalen Kompetenzen wären für Sie besonders wichtig?
Ich möchte verschiedene Tools und Apps kennenlernen und für mich nutzen können. Beispielsweise die App SBB Inclusive, die ich kürzlich mit meinem Konto verknüpfen konnte. Auch das Online-Banking und TWINT möchte ich nutzen, jedoch habe ich Angst, dass ich Trickbetrügern aufsitzen könnte. Tickets für den öffentlichen Verkehr online kaufen zu können oder auch den Einkauf online erledigen zu können, interessiert mich. Und ich möchte wissen, wie die Zwei-Faktor-Authentifizierung genau funktioniert.
Bedeutet dies, dass Sie heute noch kein Online-Banking oder TWINT nutzen?
Nein, noch nicht. Aber es wird immer mehr zum Thema in den nächsten Jahren. Aber ich hoffe dennoch, dass es Lösungen für Menschen geben wird, welche Online-Banking nicht nutzen. Man liest sehr viel Schlechtes darüber.
Das stimmt. Sicherheit geht bekanntlich vor. Wir kommen nun zu einem anderen Thema. Sie beteiligen sich an verschiedenen partizipativen Projekten. Weshalb?
Weil es eine tolle Sache ist, dass wir unser Wissen als Betroffene an andere Menschen weitergeben können. Man kann immer voneinander lernen. Wir gehören dazu und diese Perspektive muss miteinfliessen, damit wir durch die Partizipation auch neue Dinge anstossen können. Nur wir können sagen, was wir für die Zukunft brauchen. Mir macht es grossen Spass, es ist mein Herzblut.
Können Sie zwei Beispiele für partizipative Projekte nennen, an denen Sie beteiligt sind?
Wir haben im Projekt «SEGEL» zum Thema «Selbstbestimmung» einen Leitfaden erstellt. Die Abkürzung steht für Schwierige Entscheidungen – Gemeinsame Lösungen. Es geht beispielsweise um Themen wie ein neues Leitbild überarbeiten, Alkoholkonsum, Sexualität oder den Kühlschrank abschliessen – das sind lauter schwierige Themen, die alle betreffen. Alle sollen mitreden können bei Veränderungen. Wir haben aus dem Projekt heraus ein Angebot für Institutionen entwickelt.
Das Beispiel «Kühlschrank abschliessen» scheint sehr unüblich.
Als wir mit dem Projekt gestartet sind, haben wir auch mit fiktiven Beispielen gearbeitet. Eines davon war Paul. Paul ist stark übergewichtig und lebt in einer Wohngruppe. Er isst den anderen das Essen aus dem Kühlschrank weg. Wir haben uns also gefragt, wie gehen wir mit dieser Situation um? Was kann man tun? Darf man den Kühlschrank abschliessen?
Und das zweite partizipative Projekt?
Das ist ganz neu, das Projekt «Medienbus». Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sollen neue Technologien und digitale Medien ausprobieren dürfen und ihre digitalen Kompetenzen erweitern. Wir wollen insbesondere Institutionen für Menschen mit Behinderung bei der Umsetzung unterstützen.
Was macht Ihnen besonders Spass an der Mitarbeit beim «Medienbus»?
Ich finde die digitalen Medien spannend. Wir können Aufklärungsarbeit leisten, insbesondere auf Sicherheitsthemen hinweisen und gemeinsam mit Personen eine Art Sicherheitskoffer bereitstellen. Zudem geht mit den digitalen Medien eine neue Türe auf – und wir müssen mitgehen und mitmachen.
Nutzen Sie persönlich Social Media?
Ja, ich bin vor allem auf LinkedIn und auf Facebook. Manchmal schaue ich, was die Menschen auf Instagram posten und hinterlasse ein Herz, wenn mir etwas gefällt. Für das Projekt «SEGEL» habe ich Beiträge verfasst, bin aber nicht mehr so aktiv. Aus meinem Alltag gebe ich nicht gerne viel preis.
Wenn Sie an die (digitale) Zukunft denken, welche Entwicklungen sollen unbedingt noch angestossen werden, damit wir einen Schritt in Richtung «digitale Inklusion» gehen?
Digitale Inklusion bedeutet für mich: Wir können digitale Medien so nutzen, dass wir nicht abgehängt werden. Die digitalen Medien müssen barrierefrei zugänglich sein und die Informationen sollten in Leichter Sprache zur Verfügung stehen, damit man diese verstehen kann. Wir wollen mitmachen und uns weiterentwickeln. Dafür brauchen wir gute Schulungen, Unterstützung und Begleitung. Nur dann findet Inklusion statt.
Damit schliesst sich der Kreis zum Medienbus, das Angebot soll unterstützend und begleitend sein. Vielen Dank für die Einblicke, Karin Zingg.
Das Angebot «Medienbus»
Für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung bieten digitale Medien grosse Chancen. Zugleich schaffen sie neue Barrieren. Als mobiles Medien-Lernzentrum will der Medienbus den kritischen und kompetenten Umgang mit digitalen Tools und Medien fördern. Sind Sie am Angebot interessiert und wollen mehr erfahren? Zur Website
Interview im Hochschulmagazin. In der Frühlingsausgabe des Hochschulmagazins «heilpädagogik aktuell» erzählt Co-Projektleiterin Andrea Sterchi mehr zum Medienbus. Das Magazin kann kostenlos per Post abonniert werden und ist online via Issuu verfügbar. Zum Interview
Weiterführende Literatur
- Adler, J., Wohlgensinger, C., Hanny, U., Ladner, P., Rutishauser, S., Sennhauser, A., Strolz, S. & Zingg, K. (2023). «Die Mischung macht’s!»: Gründe, Herausforderungen und Gelingensbedingungen partizipativer Forschung. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 29 (4), 20–26. Zum Artikel
- Bosse, I. (2021). Diskussionsfelder der Medienpädagogik: Medien und Inklusion. In U. Sander, F. von Gross & K.-U. Hugger (Hrsg.), Handbuch Medienpädagogik (S. 723–734). Springer VS. Zum Artikel
- Heitplatz, V. (2023). Einsatz digitaler Medien für Lernende im Bereich geistige Entwicklung. In J. Betz, J.-R. Schluchter (Hrsg.). Schulische Medienbildung und Digitalisierung im Kontext von Behinderung und Benachteiligung. BeltzJuventa, (S. 65-80).
- Hess-Klein, C. & Scheibler, E. (2022). Aktualisierter Schattenbericht. Bericht der Zivilgesellschaft anlässlich des ersten Staatenberichtsverfahrens vor dem UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Editions Weblaw. Zum Bericht
- Kalcher, M. & Kreinbucher-Bekerle, C. (2021). Die Nutzung digitaler Medien von Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Behindertenhilfe. Ergebnisse eines partizipativen Forschungsprojekts. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 1–16. Zum Artikel
- Ramp, D., Köng, A.-L., Holenstein, M. & Angst, L. (2024). Mobiliar DigitalBarometer 2024. Die Stimme der Schweizer Bevölkerung. Zum Bericht